Die Wiege der Forelle

Gegenüber Schonderfeld, am Fischbach im Saaletal, zieht seit 1882 eine der ältesten, wenn nicht die älteste, Forellenzucht Deutschlands ihre Edelfische heran. Ihre Geschichte reicht von einem Würzburger Juristen und einem eigenen Bahnhalt bis zur Familie Thurn, die das Gut heute im Nebenerwerb führt - und zur stillen Kinderstube für Äsche und Flussperlmuschel.

Auf einen Blick

Das Fischgut in Kürze

Eine arbeitende Forellenzucht und ein Stück lebendige Regionalgeschichte - terrassierte Teiche, gespeist von einer kalten Quelle, in einem Seitental der Fränkischen Saale zwischen Spessart und Rhön.

Der Titel „älteste Forellenzucht Deutschlands“ wird von den Quellen selbst auf „eine der ältesten, wenn nicht die älteste“ zurückgenommen, und selbst so erzählt bleibt es eine bemerkenswerte Geschichte.

Fischgut Seewiese

Gegründet
1882 · Friedrich Zenk
Lage
gegenüber Schonderfeld, am Fischbach (Gräfendorf)
Wasser
Ochsenquelle · ~9 °C
Heute
Familie Thurn · Nebenerwerb
Teiche
28 Naturteiche, terrassiert
Arten
Bach-, Regenbogenforelle, Saibling
Verkauf
monatlich · Bauernmarkt Gemünden · Dorfladen
1882 · der Gründer

Ein Jurist mit Leidenschaft für Forellen

Aufgebaut hat das Gut Friedrich Zenk, ein Würzburger Jurist und Militärjustizbeamter (Auditeur), der dem Unterfränkischen Kreisfischerei-Verein vorstand und als „Forellenzüchter aus Leidenschaft“ galt. Schon 1878 hatte er einen Leitfaden zur künstlichen Forellenzucht herausgebracht, um „die zumeist verarmten Bäche Unterfrankens, namentlich des Spessarts und der Rhön“ wieder mit Edelfischen zu bevölkern.

1882 kaufte er für 40 Mark das Fischrecht am Fischbach, dem Grenzbach zwischen Gräfendorf und Schonderfeld, und dazu Wiesen an der Seewiese. Auf rund sieben Hektar legte er sechzehn Teiche an, gespeist von Quell- oder Bachwasser, und in ihrer Mitte ein 33 Meter langes Bruthaus mit Bruttischen aus angekohltem Tannenholz, über die ständig frisches Wasser floss.

Das Fischgut Seewiese um 1892, historische Darstellung aus der „Gartenlaube“
Das Gut um 1892
Um 1892 · die Blütezeit

Von der Saale in die Welt

Um 1892 verschickte das Gut, das einen eigenen Bahnhalt besaß, jährlich rund zwei Millionen in Watte oder Moos gepackte, eisgekühlte Fischeier und etwa eine Million Jungfische bis nach ganz Europa und Übersee, dazu rund 30 Zentner Speisefisch. „Zu Reichskanzler Bismarcks Zeiten“, erinnerte die Zeitung später, gingen junge Fische „in speziellen Fässern bis nach England und Russland“.

Gezüchtet wurden vor allem Salmoniden: Bachforelle, Saibling, Rheinlachs, Seeforelle, Regenbogenforelle, die schottische Loch-Leven-Forelle und die Äsche. International trat die Seewiese früh in Erscheinung: Im Juli 1883 stellte Zenk sie in der Londoner Royal Albert Hall vor, und die Familie bewahrt bis heute Ehrenurkunden - Bonn 1883, München 1885, die Ausstellung „Salmoniden und Karpfen“ in Würzburg 1905.

In der Gründerzeit sollen sich, so die Überlieferung, sogar Reichskanzler Otto von Bismarck und der bayerische Prinzregent Luitpold vor Ort von den neuen Zuchtmöglichkeiten überzeugt haben. Einer Darstellung nach dürfte die Seewiese „die erste Einrichtung in Deutschland gewesen sein, in der Forellen in einem Bruthaus gezüchtet wurden“ - der Ursprung ihres Rufs, eine der ältesten, wenn nicht die älteste Fischzucht des Landes zu sein.

1882 bis heute

Die Stafette über sieben Besitzer

Der Besitz wechselte oft, die Forellen aber wurden stets weitergereicht. Diese Kette folgt dem Heimatbuch von Johannes Sitter.

  1. 1882

    Friedrich Zenk

    Der Gründer legt Teiche und Bruthaus an und macht die Seewiese weit über Franken hinaus bekannt. Aus gesundheitlichen Gründen verkauft er 1889, damals rund 30 Zuchtteiche.

  2. 1889

    Von Derschau & Schellhorn-Wallbillich

    Zwei Oberstleutnants a. D.: Von Derschau, Vorstand des Deutschen Fischereivereins, soll „wegen Fischeiern bis nach Norwegen“ gereist sein; Schellhorn, den die Jagd reizte, lässt 1888/89 nebenan das Jagdschloss errichten.

  3. 1901

    Familie Hieke

    Der Kaufmann Hans Hieke pachtet ab 1901 und ist ab 1911 Alleineigentümer. Nach seinem frühen Tod führt Witwe Paula das Gut bis 1955, und hinterlässt es „ohne Schulden“.

  4. 1955

    Berndes & Erbes

    Marianne Berndes erbt das Gut; Eduard und Katharina Erbes verwalten das zeitweise stille Anwesen bis 1970.

  5. 1970

    Alois & Siglinde Heinlein

    Ein Frankfurter Ehepaar erweckt die verwaiste Seewiese neu: Alois, leidenschaftlicher Angler, macht eine Ausbildung zum Fischwirt, verkauft 1975 seine Spedition, und ist 25 Jahre lang Vorsitzender des SV Gräfendorf. Von 1976 bis 1993 führen die Heinleins auch das Jagdschloss als Ferienhotel.

  6. um 1994

    Petra & Wolfgang Thurn

    Tochter Petra und ihr Mann Wolfgang übernehmen den Betrieb, den sie bis heute im Nebenerwerb führen.

  7. heute

    Die nächste Generation

    Sohn Thorsten Thurn ist gelernter Fischwirt - das Handwerk bleibt in der Familie, bereit, erneut weitergereicht zu werden.

Der Betrieb heute

Familie Thurn, im eigenen Takt

Achtundzwanzig Naturteiche liegen terrassenförmig in einem Seitental der Saale. „Naturteich“ heißt: Die Fische werden nicht täglich gefüttert, sondern suchen sich auch selbst Nahrung. Bach- und Regenbogenforelle sowie Saibling sind die Basis; in einem Schilfteich stehen als „Nebenfische“ Karpfen, Zander, Waller, dazu Graskarpfen, Weißfische und ein einzelner Stör.

Qualität vor Tempo: Es werden keine Fische zugekauft, um Krankheiten fernzuhalten, und eine Speiseforelle ist erst nach drei bis vier Jahren so weit - „Farbstoffe oder andere Zusatzmittel“ haben „im Futter nichts verloren“. Der Karpfen ist ein Sonderfall, gehalten in den unteren, wärmeren Teichen und gefüttert mit Getreide von Schonderfelder Bauern, damit der Fisch im klaren Quellwasser „nicht modrig“ schmeckt.

Das größte Risiko ist das Wasser selbst. Trockenheit und geringere Quellschüttung lassen Teiche unbesetzt. „Eine Fischzucht ohne Wasser ist schwer zu betreiben“, sagt Petra Thurn.

Blick von Gräfendorf die Saale hinab zur Mündung der Schondra
Wo die Schondra in die Saale mündet
Das Bruthaus

Eine Säuglingsstation für Eier

Herzstück ist die winterliche Erbrütung. Ab Ende Dezember werden die Eier den Mutterfischen „abgestreift“; in einem etwa meterhohen Brutschrank lassen sich „bis zu einer halben Million“ zugleich behandeln. Frisches Wasser der Ochsenquelle - im Winter „angenehme neun Grad“ - durchfließt die gestapelten Schalen, in denen die Eier „wie Kaviar“ liegen.

Der Feind ist der Pilzbefall: befallene Eier, auffällig hell statt zart rosa, werden „mit der Pipette oder Zange“ entfernt, mindestens jeden zweiten Tag. „Hier ist es so sensibel wie in einer Säuglingsstation“, sagt Thurn und vergleicht sein Bruthaus mit „einer Krankenhauskinderstation für Frühgeborene“.

Frisch geschlüpfte Jungfische bekommen zunächst „zwölf Stunden am Tag stündlich“ eine von Hand gefütterte „Babynahrung“, ehe Fütterungsautomaten übernehmen; über den „Sömmerlingsteich“, den Kindergarten des ersten Sommers, wachsen sie heran. Die Größe hat sich über die Jahre gewandelt: rund 250.000 Fische 2004, „rund eine halbe Million Forellen“ im Jahr 2006, heute nur noch ein kleiner Teil selbst erzeugt.

Über den Betrieb hinaus

Kinderstube für Fluss und Fisch

Als eine der wenigen Anlagen der Gegend mit Bruthaus und beständigem Quellwasser dient die Seewiese auch dem Artenschutz - für Bachforelle, Äsche und die einzigartige Flussperlmuschel der Schondra. Die Zahlen sind Angaben der beteiligten Vereine und Fachstellen.

ab 2005

Brutboxen für die Bachforelle

mit der HFG Untere Saale

Seit 2005 lässt die Hegefischereigenossenschaft ihre Jungfische heimatnah in Brutboxen schlüpfen, eingewiesen von Fischzuchtmeister Wolfgang Thurn, mit Laich aus der Seewiese. Das erfüllt zugleich die Forderung des Fischereigesetzes nach gewässernaher Herkunft; 2006 übernahm die Genossenschaft 20.000 Eier aus Thurns Zucht.

2007-2010

Die Äsche kehrt zurück

HFG · ASC Forelle · Bezirk Unterfranken

Für die Rückkehr der gefährdeten Äsche zog das Gut den Nachwuchs auf: 2007 kamen 4.444 Äschen in die Saale, 2009 über 1.000 aus Elterntieren der Schondra (ein genetisch heimischer Stamm), 2010 übertrug das Bayerische Fernsehen einen Besatz live in der „Frankenschau aktuell“. Partner: die HFG Untere Saale (Sabine Töpfer-Gebert), der ASC „Forelle“ Gräfendorf und die Fischereifachberatung des Bezirks Unterfranken.

seit 2000

Obhut für die Flussperlmuschel

Schondra · Prof. Geist, TUM

Die Schondra beherbergt eine weltweit einzigartige Flussperlmuschel; ihre Larven reifen in den Kiemen der Bachforelle. Im Fischgut werden Forellen gezielt „infiziert“ - im Rundbecken bei verringertem Sauerstoff -, und als der Bestand 2013 einbrach, kamen die nummerierten Muscheln „in die Obhut von Wolfgang Thurn“. Prof. Jürgen Geist (TU München) bescheinigte der Population 2005 die höchste Biomasse unter 20 europäischen Gewässern.

Und der Kormoran?

In den Belegen nennt die Fischerei den Kormoran als Hauptgrund für den Rückgang der Äsche - mit Fraßzahlen, die interessengeleitete Positionen sind, keine neutral belegten Fakten. Der Kormoran ist ein geschützter, heimischer Vogel. Dieselben Quellen nennen strukturelle Ursachen gleichrangig: die fehlende Durchgängigkeit der Flüsse, Nährstoffeinträge, die Strukturarmut begradigter Läufe und eine verschlechterte Wasserqualität.

Wie der Fluss gehegt wird  ·  Mehr zur Äsche

Brauchtum & Begegnung

Wenn das Hofgut die Tore öffnet

Immer wieder war die „älteste Forellenzuchtanstalt Deutschlands“ Station des Kulturprojekts „Saale-Musicum“ und gewährte „einen Blick hinter die Kulissen“, mit stündlichen Führungen und Fisch „geräuchert und gebacken“. Zum Hoffest und „Tag des offenen Hofgutes“ öffnet die Familie Thurn den Betrieb: Führungen, Forellengerichte in allen Variationen, eine Floßfahrt auf einem Teich, eine Spielstraße und „Angeln (ohne Haken)“ für Kinder - 2010 auch „Angeln im Forellenteich“. Auch der Spessartverein steuerte das Gut als Wanderziel an.

Aus der Küche des gelernten Kochs kommen ein Forellencocktail, Forelle „nach Art der Müllerin“ und zu Silvester „Karpfen blau“. Zum idyllischen Gelände gehört eine kleine Menagerie - Kamerunschafe, Gänse, Minischweine „Wutschi und Regina“ -, und 2006 quartierte sich sogar ein Biber („Dicker“) an der Hofauffahrt ein, dem die Thurns bewusst ihre Ruhe ließen.

Solche Öffnungen sind Gelegenheiten, keine festen Termine - wer vorbeischauen möchte, erkundigt sich am besten vorher.

Gräfendorf an der Fränkischen Saale, Heimatgemeinde des Fischguts
Gräfendorf an der Saale
Buch & Quellen

Das Fischgut und seine Pioniere, zu Papier

Die Betriebsgeschichte hat der frühere Gräfendorfer Bürgermeister und Bezirksrat a. D. Johannes Sitter im Buch „Fischgut Seewiese und seine Pioniere“ aufgearbeitet (2021, 96 Seiten im DIN-A4-Format, mit Fotos, alten Zeitungsartikeln und Dokumenten sowie Gastbeiträgen von Willi Dürrnagel und Michael Fillies). Anstoß war ein geplanter Fernsehbeitrag des Bayerischen Rundfunks („Zwischen Spessart und Karwendel“); die Familien Thurn und Heinlein übergaben Sitter „zwei prall gefüllte Aktenordner“. Die Buchvorstellung fand am 15. November 2021 in den Michelauer „Saalestuben“ statt.

Zu den Quellen: Diese Seite fasst zusammen, was das Archiv der regionalen Main-Post (2000-2022) über das Fischgut hergibt - journalistische und vom Betrieb gelieferte Darstellungen, keine amtlichen Primärquellen; viele historische Angaben folgen Sitters Heimatbuch. Der Superlativ „älteste Fischzucht Deutschlands“ wird von den Quellen selbst auf „eine der ältesten, wenn nicht die älteste“ zurückgenommen; Zenks Herkunft und die Bismarck-Anekdote sind unsicher.

Besuch & Angeln

Rund ums Fischgut

Das Fischgut Seewiese ist zugleich Ausgabestelle für die Angelkarten dieser Strecke (Seewiesenstraße 3, Tel. 09357 223); nebenan gibt Siglinde Heinlein (Seewiesenstraße 2) ebenfalls Karten aus. Frischen und geräucherten Fisch gibt es einmal im Monat ab Hof, auf dem Bauernmarkt in Gemünden und im Gräfendorfer Dorfladen „Unser Lädle“.

Angelkarten & Ausgabestellen Hege an der Strecke Geschichte am Fluss